Was genau wird als Holocaust bezeichnet?


Alle reden immer darüber. Aber was genau ist denn der Holocaust in seiner Definition?

Ich habe diesen Begriff schon oft gehört. Doch was genau steckt dahinter?
Durch meinen Beitrag Tabu-Thema: Der Holocaust und Unstimmigkeiten in der “klassischen” Geschichte habe ich mich nun auch mit dem Holocaust an sich beschäftigt. Dazu habe ich mal die allegemein gängigen Definitionen zusammengestellt.

Als zweites möchte ich auf die Anzahl der Opfer eingehen und auf Unstimigkeiten, die sich dabei ergeben.


Der Duden sagt unter anderem dolgendes dazu:
englisch holocaust = Inferno; Zerstörung, eigentlich = Brandopfer < spätlateinisch holocaustum < griechisch holókauston, zu: holókaustos = völlig verbrannt, zu: hólos (holo-, Holo-) und kaustós = verbrannt


 Wochenthema: Drittes Reich

Was bedeutet der Begriff „Holocaust“?

Der Begriff „Holocaust“ kommt aus dem griechischen Wort „holókaustos“ und bedeutet: Brandopfer.

Die Ermordung der europäischen Juden wird in Deutschland erst seit 1979 allgemein als „Holocaust“ bezeichnet. In jenem Jahr war im deutschen Fernsehen eine amerikanische Familieserie mit dem gleichnamigen Titel zu sehen. In dieser Serie ging es um eine deutsch-jüdische Familie im NS-Staat.

Wenn man heutzutage den Begriff benutzt, meint man damit die Verfolgung, Gettoisierung und insbesondere Vernichtung von 6 Millionen europäischen Juden während der national-sozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa (1933-1945).

Quelle: http://www.paedagogik.net/wochenthemen/drittesreich/holocaust.html


Begriffe:
Schoah und Holocaust

In der deutschen Sprache gibt es keinen Ausdruck für die ideologische Verfolgung der Juden, die Gräueltaten und Qualen, die an ihnen verübt wurden, und den fabrikmäßig durchgeführten Massenmord, der durch das nationalsozialistische Regime von 1933-45 begangen wurde.

Im Englischen benutzt man den Begriff Holocaust, der sich seit der Ausstrahlung des amerikanischen Fernsehfilms „Holocaust“ im Januar 1979 dann auch in Deutschland verbreitete. Das Wort Holocaust stammt aus dem Griechischen und findet über zweihundertmal Verwendung in der Septuaginta — der griechischen Bibelübersetzung des sogenannten Alten Testaments. Im Deutschen kann man das Wort mit „Ganzopfer“ oder „Brandopfer“ wiedergeben. Es ist eine griechische Übertragung des hebräischen Worts „ola (kalil)“ – „das, was ganz im Rauch aufsteigt“. Seit dem 16. Jahrhundert wird das Wort Holocaust im Englischen zur Bezeichnung von Brandopfer bzw. für etwas, was ganz verbrannt ist, verwendet und meint im weiteren Sinne eine vollständige Zerstörung durch Feuer. So benutzt man es heute auch im Englischen für Großbrände aber auch für Massenmorde (1).

Religiöse Juden haben sich gegen die Verwendung dieses Wortes ausgesprochen, weil das Brandopfer der Torah ein Gott dargebrachtes Opfer sei, und derjenige, der es darbringt, sich in der Obhut Gottes wisse. „Holocaust“ würde in diesem Sinne bedeuten, dass die Juden von Gott als Brandopfer gefordert wurden und dass somit die Ermordung von 6 Millionen Juden religiös legitimiert war.

Der hebräische Begriff Schoah ist ebenfalls ein biblischer Begriff und steht z.B. im Zusammenhang mit Jesajas Warnung und Prophezeiung an die Bewohner des Nordreichs, über die aufgrund ihres sündigen Verhaltens großes Unheil hereinbrechen wird (Jes 10,3; vgl. auch Jes 47,11; Ps 35,8). Schoah drückt die Bedeutung „Unheil“, „Verderben“ oder „Untergang“ aus. Seit 1942 setzte sich in Palästina der Begriff Schoah durch und wurde im gleichen Jahr auch von der Jewish Agency in einer offiziellen Erklärung verwendet. Das Wort Schoah ist der offizielle Begriff im Staat Israel und dient im Neuhebräischen ausschließlich zur Bezeichnung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden unter dem Nationalsozialismus.

Dass die Verwendung beider Begriffe bis heute im Deutschen schwierig ist, zeigt die Diskussion der Redaktion der deutschen Übersetzung der „Enzyklopädie des Holocaust“; für den Titel der englischen Ausgabe wurde selbstverständlich der Begriff Holocaust verwendet und in der hebräischen der Begriff Schoah. Bei der deutschen Übersetzung jedoch sprach nach Meinung des Redaktorenteams gegen die Verwendung des Wortes Schoah der Aspekt, dass es sich um ein Wort handelt, das ganz aus der Sichtweise der Opfer stammt und nach der Meinung der Redaktion im Land der Täter nicht gebraucht werden sollte. Beim Begriff Holocaust stieß die Redaktion auf die oben erörterten Probleme. Dennoch stimmte eine knappe Mehrheit schließlich –  weiterhin mit Bedenken – für das Wort Holocaust und zwar in englischer Schreibweise.

Das heißt: in der deutschen Sprache existiert bis heute kein Begriff für das Geschehene2.

1. Aus: Vorwort zur deutschen Ausgabe der Enzyklopädie des Holocaust: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Hrsg.: Israel Gutman u.a. Argon Verlag, 1993, Bd. 1, S. XVIII. 2. Ebd., S. XIX.


Holocaust – Shoah – Churban

Holocaust

Das griechische Wort holókaustos („vollständig verbrannt“) bezog sich auf die in der Antike verbreitete religiöse Praxis der Verbrennung von Tieren als Opfer. Dafür verwendete es erstmals der Historiker Xenophon, dann auch die griechische Bibelübersetzung, die Septuaginta. Über die lateinische Bibelübersetzung der Vulgata drang holocaustum in die englische Sprache ein, nicht aber in die deutsche, da Martin Luther den Ausdruck mit Brandopfer übersetzte.

Darum wurde der Völkermord an den europäischen Juden zunächst nur im englischen Sprachraum mit dem Wort Holocaust bezeichnet, erstmals im Dezember 1942 in der Tageszeitung News Chronicle. Diese verband noch ohne Kenntnis von „Vernichtungslagern“ damit bereits Adolf Hitlers Vernichtungsplan an den Juden: … the Jewish people are to be exterminated. Von nun an behielt der Begriff im politischen Diskurs diesen Sinn und setzte sich in der angelsächsischen Geschichtswissenschaft nach 1945 allmählich durch. Der Autor Frederick Forsyth machte 1972 diesen Sinn mit seinem Roman Die Akte Odessa einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Zwar gab es im Deutschen bereits das Fremdwort Holokaust, das aber kaum für den Völkermord an den Juden gebraucht wurde und in wichtigen Wörterbüchern nicht verzeichnet war. Doch seit der Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß von 1979 wurde der Begriff, auch in englischer Schreibweise, in der Bundesrepublik üblich. Er bezeichnete nun verbreitet das, was zuvor als „Judenverfolgung“, „Judenvernichtung“, „Judenmord“ oder „Mord an den europäischen Juden“ umschrieben worden war. Das Bewusstsein für die Ausnahmestellung dieses nationalsozialistischen Völkermords war bis dahin kaum in der deutschen Bevölkerung vorhanden. Heute ist eine von diesem Ereignis losgelöste Verwendung des Holocaustbegriffs im Deutschen semantisch und ethisch umstritten, da sie zumeist aus Effekthascherei oder aus dem Versuch heraus erfolgt, die NS-Verbrechen zu verharmlosen.

Schoah

Das hebräische Wort שואה („Shoa“, versch. Transkriptionen) steht neben dem für dieselbe Bedeutung weiterhin verwendeten und synonym verstandenen Begriff „Holocaust/Holokaust“. Es bürgerte sich in Westeuropa vor allem wegen des neunstündigen Dokumentarfilms „Shoah“ von Claude Lanzmann von 1985 ein, der auch als „narrative Chronik des Holocaust“ bezeichnet wird.

Unter den Juden und in Israel sind Begriff und Bedeutung von „Shoa“ im Zuge der langen Geschichte der Judenfeindlichkeit und der damit verbundenen Pogrome schon vor dem Holocaust geläufig gewesen. Der Ausdruck ging daher in die Unabhängigkeitserklärung Israels von 1948 ein. Seitdem wird er von Juden überwiegend für dieses Ereignis verwendet.

Ein Grund dafür ist auch, dass das Wort Holocaust (griechisch: „vollständiges Brandopfer“) nach Ansicht vieler Juden zu sehr die Opferrolle der Ermordeten betont und einen positiven religiösen Sinn des Geschehens impliziert. Der Begriff Shoa wird wiederum von manchen Vertretern nicht-jüdischer Opfergruppen des Holocaust abgelehnt, da er den Blick allein auf die ermordeten Juden einenge.

Shoa wird seit 1979 auch von manchen Nichtjuden bevorzugt, weil sich mit dem Begriff Holocaust seit 1979 die Assoziation des Hollywood-Filmes verbindet, der damals als mehrteilige US-Fernsehserie unter dem Titel „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ ausgestrahlt wurde. Der Film stieß auf Kritik, da seine „romantisierende“ und „reißerische“ oder gar „voyeuristische“ Umsetzung des Stoffes dem tatsächlichen Schrecken des Themas vielen nicht angemessen erschien.

Gleichwohl hat sich die Bezeichnung Holocaust in Deutschland seit 1979 als Begriff für die Shoa durchgesetzt, wobei hier die Sicht der „Nachfahren“ der Täter einen gewissen Vorrang hat.

Churban

Viele Rabbiner bezeichnen die Shoa etwa seit 1980 als Dritten Churban. Das hebräische Wort „Churban“ bedeutet etwa „Verwüstung“ oder „Vernichtung“ und bezieht sich auf große historische, von Menschen gemachte Katastrophen. Das Wort wurde früher für die beiden Zerstörungen des Jerusalemer Tempels (586 vor und 70 nach Christus) verwendet und bezeichnete deren Zielrichtung, das Judentum auszulöschen. Der Dritte Churban wird damit als ein weiterer Fall der Judenverfolgung unter anderen Völkern in die Jüdische Geschichte eingeordnet. Vertreter des Begriffs lehnen daher die These von seiner Singularität ab.

„Churban“ ist auch im Jiddischen geläufig (jidd: khurben) und bezeichnet in jiddischer Literatur wiederum fast ausschließlich den Holocaust. So verwendet auch Manès Sperber diesen Begriff; ein von ihm verfasster Essay aus dem Jahr 1964 trägt den Titel „Churban oder Die unfassbare Gewissheit“.

Quelle: http://www.antisemitismus.net/shoah/holocaust.htm


Definition laut Wikipedia (Quelle):

Als Holocaust [ˈhoːlokaʊ̯st, holoˈkaʊ̯st] (griechisch ὁλόκαυστον holókauston ‚vollständig verbrannt‘) oder Schoah (auch Schoa, Shoah oder Shoa; hebräisch ‏הַשּׁוֹאָהha’Schoah für „die Katastrophe“, „das große Unglück/Unheil“) wird der Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen bezeichnet, die in Europa in der Zeit des Nationalsozialismus als jüdisch definiert wurden. Er gründete auf dem vom NS-Regime propagierten Antisemitismus, zielte auf die vollständige Vernichtung der europäischen Juden und wurde von 1941 bis 1945 systematisch, ab 1942 auch mit industriellen Methoden durchgeführt.

Die Nationalsozialisten nannten ihr Ziel, alle Juden aus Europa zu vertreiben, seit 1940 offiziell „Endlösung der Judenfrage“. Seit 1941 umschrieb dieser Ausdruck zur Tarnung ihre systematischen Judenmorde. Er wird oft in historischen Werken darüber zitiert.

Im deutschen Sprachraum wurde das Verbrechen seit Mai 1945 als Judenvernichtung, Judenmord oder Massenmord an den europäischen Juden bezeichnet. Seit etwa 1960 bürgerte sich Auschwitz, der Ort des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers, als Symbol-Name dafür ein.

Die heute übliche Bezeichnung „Holocaust“ leitet sich vom griechischen Adjektiv ὁλόκαυστον (holókauston) ab, das „vollständig verbrannt“ bedeutet und ein vollständig auf Altären verbranntes Tieropfer bezeichnet. Seit etwa 1600 bezeichnete das englische Wort Holocaust auch Feuertode, seit etwa 1800 auch Massaker, seit 1895 auch ethnische Massaker wie den späteren Völkermord an den Armeniern. Im Dezember 1942 verwendete die britische Tageszeitung News Chronicle noch ohne Kenntnis der NS-Vernichtungsmethoden das Wort erstmals für Adolf Hitlers Vernichtungsplan an den Juden. Bis 1972 wurde es in der Geschichtswissenschaft der USA dafür üblich. Seit 1978 verbreitete die Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß es in vielen weiteren Staaten, darunter in der Bundesrepublik Deutschland. Seitdem wird der Begriff meist auf die systematische Ermordung der europäischen Juden begrenzt. Manchmal umfasst die Bezeichnung Holocaust auch den Völkermord an bis zu 500.000 Roma, die die Nationalsozialisten als „Zigeuner“ ebenfalls zur „minderwertigen Fremdrasse“ erklärten und ausrotten wollten (Porajmos, Roma-Holocaust). Nur selten wird sie auf die gesamte nationalsozialistische Vernichtungspolitik bezogen.

Die Bezeichnung der Judenvernichtung als „Holocaust“ wurde wegen der Herkunft des Wortes aus dem religiösen Opferkult und früheren Verwendung im christlichen Antijudaismus oft als problematisch angesehen.[1] In Israel und im Judentum wird das Verbrechen seit 1948 als Shoa („Katastrophe“, „großes Unglück“) bezeichnet. Daran erinnert seit 1959 der Gedenktag Jom haScho’a. Seit 1985 wird das hebräische Wort auch in Europa für den Holocaust verwendet. Jüdische Theologen bezeichnen das Ereignis auch als dritten Churban (hebräisch: „Vernichtung“, „Verwüstung“) und deuten es damit wie die beiden Zerstörungen des Jerusalemer Tempels (586 v. und 70 n. Chr.) als eine alle Nachfahren der Israeliten betreffende Großkatastrophe der jüdischen Geschichte.[2]

weiterlesen:https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust

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Gedenkbuch

Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945

Einleitung

Als 1986 das Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945“ [1] erschien, wurde damit mehr als 128 000 jüdischen Bürgern aus dem Territorium der damaligen Bundesrepublik Deutschland und ganz Berlins zum überwiegenden Teil erstmals öffentlich gedacht. Das nun in zweiter Auflage vorliegende Gedenkbuch enthält die Namen von etwa 149 600 jüdischen Bürgern, die aus „rassischen“ Gründen durch Gewaltmaßnahmen des nationalsozialistischen Deutschland im Zeitraum von 1933 bis 1945 ihr Leben lassen mussten.

Der Schwerpunkt der Opferliste liegt auf der Zeit nach Beginn der Deportationen im Oktober 1941. Neben den Namen deportierter Opfer umfasst sie auch, sofern bekannt, die Namen derjenigen, die nach Polen oder Frankreich abgeschoben wurden, den Freitod einer Deportation vorzogen oder in europäische Nachbarländer emigriert waren und dort den Nationalsozialisten beim Einmarsch vor allem in den Niederlanden, Belgien und Frankreich wieder in die Hände fielen.

Zum einen wurden viele deutsche Juden in so genannte Durchgangsghettos verbracht, in Orte wie Westerbork (Niederlande), Mechelen (Belgien) oder Drancy (Frankreich) und von dort aus in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Zum anderen brachte man Gruppen von Juden und Einzelpersonen aus Luxemburg, Finnland, Norwegen, Frankreich und Italien nach Berlin, um sie von hier aus ebenfalls „nach Osten“ zu deportieren.

Auch Juden aus den Städten und Gemeinden Ost- und Mitteldeutschlands wurden einzeln und gruppenweise in die Reichshauptstadt verschleppt, um sie hier u. a. den großen Deportationstransporten anzuschließen. Aus diesem Grunde sind auf den Berliner Transportlisten sehr viele Nichtberliner zu finden.

In Erweiterung der ersten Auflage des Gedenkbuches wurden etwa 21 600 Namen ergänzt. Die Erstauflage von 1986 konnte nur die Personen aus dem Gebiet der alten Bundesrepublik Deutschland und ganz Berlins enthalten, da eine Zusammenarbeit mit der DDR nicht zustande kam. Die zweite Auflage umfasst nunmehr – von einigen der Überlieferungslage geschuldeten Abweichungen abgesehen – das Gebiet des Deutschen Reiches mit dem Gebietsstand vom 31. Dezember 1937.


  • [1] Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland, bearb. vom Bundesarchiv und dem Internationalen Suchdienst Arolsen, Koblenz 1986, Nachwort und Anhang erarbeitet von Heinz Boberach. Siehe auch Ino Arndt/Heinz Boberach; Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Deutsches Reich, in: Dimension des Völkermords, hrsg. von Wolfgang Benz, München 1991, S. 23–65.

Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich 1933-1945

Im Jahre 1925 erklärten sich 563 733 Personen der jüdischen Religionsgemeinschaft zugehörig, das waren 0,9 % der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches.

Acht Jahre später, nach der Volkszählung vom 16. Juni 1933, hatte sich ihre Anzahl auf 499 682 reduziert. Insgesamt betrug der Anteil der deutschen Juden an der Gesamtbevölkerung zu diesem Zeitpunkt nur noch 0,8 % [2].

Ein Vergleich zwischen 52 deutschen Großstädten ergab, dass Berlin mit einem jüdischen Anteil von 3,8 % an der Gesamtbevölkerung nur noch von Frankfurt am Main mit einem Anteil von 4,7 % übertroffen wurde. Die Anteile waren in allen anderen Großstädten erheblich niedriger: Breslau mit 3,2 %, Beuthen mit 3,1 %, Mannheim mit 2,3 %, Köln mit 2,0 %, Leipzig mit 1,6 %, Hamburg mit 1,5 %, München mit 1,2 % sowie Hannover und Stuttgart mit 1,1 %. In Kiel und Solingen waren jeweils nur 0,2 % der Gesamtbevölkerung jüdischen Glaubens.

Sechs Jahre später erfolgte eine weitere Volkszählung. Sie mit den vorausgegangenen von 1925 und 1933 zu vergleichen ist kaum möglich. Zum einen hatten sich die territorialen Verhältnisse mit der „Heimholung“ des Saarlandes (1. März 1935), dem „Anschluss Österreichs“ (13. März 1938) sowie der „Eingliederung“ des Sudetengebietes in das Deutsche Reich (29. September 1938) bereits stark verändert.

Zum anderen erfragten die vorausgegangenen Zählungen Angaben zur Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft; nach nationalsozialistischen Maßstäben war nun jedoch die „Rasse“ das Merkmal, welches über die Zugehörigkeit entschied.

Im Rahmen der Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 17. Mai 1939 [3] wurde erstmals in einer amtlichen Erhebung eine Erfassung der Juden nach ihrer Abstammung durchgeführt. Für jeden der vier Großelternteile war auf einer gesonderten Ergänzungskarte unter anderem anzugeben, ob die Person der „Rasse“ nach „Volljude“ war [4]. Auf der Grundlage dieser detaillierten Befragung nach der „blutsmäßigen“ Abstammung ließen sich die jüdischen „Mischlinge 1. Grades“ und die jüdischen „Mischlinge 2. Grades“ feststellen [5].

Trotz der territorialen Expansion des Deutschen Reiches und der rassistischen Zählungsmodalitäten war im Ergebnis unübersehbar, dass die Zahl der Juden im alten Reichsgebiet auf 233 973 (= 0,34 %der Gesamtbevölkerung) [6] zurückgegangen war.

Diese Verringerung um mehr als 266 000 Personen resultiert zum einen aus der – vor allem seit 1937 durch die antijüdischen Maßnahmen forcierten – Auswanderung von Juden aus dem Deutschen Reich, aber auch aus dem Sterbefallüberschuss, der infolge Überalterung sowie starkem Geburtenrückgang bereits seit langem festzustellen war.

Aber Emigration und Überalterung waren nicht die einzigen Gründe. So wurden etwa 17 000 vorrangig männliche erwachsene Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit am 28. und 29. Oktober 1938 zu Übergangsbahnhöfen an der polnische Grenze des Deutschen Reiches gebracht. In lokalen Zügen wurden sie nach Polen weiterbefördert, die meisten von ihnen jedoch noch im Laufe der Nacht zu Fuß über die Grenze gejagt. Andere wurden in einem Lager bei Bentschen (Zbaszyn) interniert [7].

Während der Arbeit an der Neuauflage dieses Gedenkbuches stellte sich heraus, dass ungefähr bis Mitte August 1939 auch die in Deutschland verbliebenen Familienangehörigen sukzessive vertrieben wurden, was offizielle Stellen häufig lapidar mit dem Begriff „abgemeldet“ vermerkten. Die genaue Zahl der so Vertriebenen lässt sich nicht ermitteln.

Einigen der abgeschobenen Juden gelang es, wieder nach Deutschland zurückzukommen. In den meisten Fällen wurden sie jedoch von den im Herbst 1941 beginnenden großen Deportationswellen erfasst und den Transporten „nach Osten“ angeschlossen. Ein Großteil der nach Polen abgeschobenen Juden gelangte in andere polnische Städte und Ghettos. Starben sie nicht an den dortigen Arbeits- und Lebensbedingungen, so fielen sie in der Folgezeit den brutalen Vernichtungsaktionen zum Opfer.

Diese „Polenaktion“ hatte weitreichende Folgen. Zu den Abgeschobenen gehörten die Eltern des aus Hannover stammenden Herszel Grynszpan, der am 7. November 1938 in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath verübte. Sein Tod diente den nationalsozialistischen Machthabern als Vorwand und Anlass für die judenfeindlichen Gewaltaktionen, die unter der Bezeichnung „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingegangen sind. Im Zuge dieses Novemberpogroms wurden etwa 26 000 bis 30 000 männliche deutsche Juden in Konzentrationslager gebracht. Verhaftete aus Nord- und Ostdeutschland sowie aus Westfalen gelangten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Die Verhafteten aus Mitteldeutschland wurden im Konzentrationslager Buchenwald interniert, für das bereits wenige Tage später ein Aufnahmestopp verhängt wurde. Im Konzentrationslager Dachau wurden diejenigen interniert, die im Rheinland, im Rhein-Main-Gebiet, in Süddeutschland und Österreich verhaftet worden waren. [8] Die Mehrzahl wurde nach wenigen Tagen bis Wochen wieder entlassen. Vor ihrer Freilassung mussten sie sich jedoch verpflichten, umgehend ihre Auswanderung in die Wege zu leiten.

Zwar wurde diese forcierte Vertreibung nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 für die Auswanderungswilligen schwieriger, trotzdem schafften es noch viele, wenn sie über ausreichende Devisen und über gesicherte Transportmöglichkeiten verfügten.

Des Weiteren wurden mehr als 5 600 Personen aus Baden, 826 aus der Pfalz und 145 aus dem Saarland am 22. Oktober 1940 mit Zügen über die französische Grenze gebracht. Als sie sechs Tage später im südfranzösischen Lager Gurs ankamen, befanden sich dort bereits seit Juni 1940 zahlreiche deutsche Emigranten, die hier nach dem Überfall der Wehrmacht auf Belgien und Frankreich interniert worden waren. [9]

„Aktion T 4“ [10] ist eine nach dem Zweiten Weltkrieg verwendete Bezeichnung für die systematische Ermordung von über 100 000 tatsächlich oder vermeintlich behinderten Menschen durch das NS-Regime. Schrittweise wurde das „lebensunwerte Leben“ vernichtet. Mit der „Kindereuthanasie“ wurden seit 1939 in Heilstätten und Pflegeanstalten – nicht nur jüdische – erbkranke oder körperlich beeinträchtigte Säuglinge und Kinder getötet. Kurz darauf folgte mit der „Erwachseneneuthanasie“ die Tötung der Bewohner von Heil- und Pflegeanstalten sowie von Sonderheimen. Nach offizieller Einstellung dieser „Erwachseneneuthanasie“ im August 1941 wurde sie mit der Tötung kranker und nicht mehr arbeitsfähiger KZ-Häftlinge unter der Bezeichnung „14f13“ weitergeführt. Infolge des sich ausbreitenden Luftkrieges im Jahre 1943 stiegen die Kriegsopferzahlen deutlich an. Der deshalb zunehmende Bedarf an Ausweichkrankenhäusern wurde gedeckt, indem unter dem Namen„Aktion Brandt“ [11] Heil- und Pflegeanstalten in Beschlag genommen wurden. Die Patienten wurden in besonderen Anstalten untergebracht, die in der Mitte des Reiches oder im Osten lagen. Hier wurden sie durch die Verabreichung von überdosierten Medikamenten getötet oder starben den Hungertod. Die Zahl der durch „Euthanasie“ ums Leben gebrachten Juden ist nicht einmal schätzbar. [12]

Aber auch die Selbstmordrate stieg. Viele Betroffene, manchmal auch ganze Familien, nahmen sich das Leben, wenn sie keine Chance mehr sahen, Deutschland verlassen zu können. Insgesamt verringerte sich die Zahl der Juden in Deutschland zwischen dem 17. Mai 1939 und dem 30. September 1941 um etwa 70 000 Personen.

Bruno Blau [13], lange Jahre Herausgeber der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“, registrierte am 1. Oktober 1941 nur noch 163 696 Juden in Deutschland. Die Massendeportationen von Juden aus dem „Deutschen Reich“ (ohne Österreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren) begannen am 18. Oktober 1941 mit einem Transport aus Berlin [14], der über 1 000 Menschen in das Ghetto nach Litzmannstadt (Lódz) brachte. Innerhalb von drei Wochen, bis zum 3. November 1941, gelangten in zehn Transporten etwa 10 000 deutsche Juden in die ihnen fremde Umgebung eines überfüllten polnischen Ghettos. Weitere etwa 5 000 Juden wurden ins weißrussische Minsk, ca. 4 000 nach Kowno (Kauen) in Litauen, und mehr als 9 000 Juden ins Ghetto der lettischen Hauptstadt Riga verschleppt. [15]

Bis zum Ende des Jahres 1941 waren in 28 Transporten mehr als 28 100 Personen aus dem Deutschen Reich „nach Osten“ deportiert worden, so dass die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Vorbereitung der Wannsee-Konferenz am 1. Januar 1942 die Zahl von 131 828 Juden in Deutschland meldete. [16] In den folgenden Jahren wurden hier von ca. 129 500 Personen deportiert. [17]


  • [2] Siehe Die Volks-, Berufs- und Betriebszählung in Berlin im Jahre 1933. Die jüdische Bevölkerung Berlins, in: Mitteilungen des Statistischen Amts der Stadt Berlin, Nr. 18, Juli 1935, 7.1–7.4; zugleich erschienen in Berliner Wirtschaftsberichte 12 (1935)
  • [3] Als Zählungstag war ursprünglich der 17. Mai 1938 vorgesehen. Infolge der „Angliederung“ Österreichs ins „Großdeutsche Reich“ wurde der Stichtag um ein Jahr, auf den 17. Mai 1939, verschoben.
  • [4] RGBl. I, S. 1333. – Wilhelm Stuckart/Hans Globke, Reichsbürgergesetz vom 15. 9. 1935. Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15. 9. 1935. Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes (Ehegesundheitsgesetz) vom 18. 10. 1934. Kommentare zur deutschen Rassegesetzgebung, Bd. 1, München 1936.
  • [5] Nach einer vorläufigen Zählung wurden am 17. Mai 1939 im Deutschen Reich (ohne Memelland, Danzig und die neuen Ostgebiete, aber mit Österreich und den sudetendeutschen Gebieten) 330 892 Juden (= 0,42 %), 72 738 „Mischlinge 1. Grades“ (= 0,09 %) und 42 811 „Mischlinge 2. Grades“ (0,05 % der Gesamtbevölkerung) ermittelt. Veröffentlicht unter: Die Juden und jüdischen Mischlinge im Deutschen Reich. Vorläufiges Ergebnis der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in: Wirtschaft und Statistik, 1. u. 2. März-Heft, Nr. 5/6 (1940). – Volkszählung. Die Bevölkerung des Deutschen Reichs nach den Ergebnissen der Volkszählung 1939, in: Statistik des Deutschen Reichs, Bd. 552, bearb. im Statistischen Reichsamt, Berlin 1944, Heft 4: Die Juden und jüdischen Mischlinge im Deutschen Reich.
  • [6] In der Forschungsliteratur gibt es Differenzen zwischen den statistischen Angaben, die daraus resultieren, dass niemand genau angibt, auf welches Gebiet des Deutschen Reiches er sich bezieht. Die häufig anzutreffende Zahl 330 892 schließt das annektierte Österreich mit 94 270 Juden sowie die sudetendeutschen Gebiete mit 2 694 Juden ein. Die hier angeführte Zahl von 233 973 Juden im Deutschen Reich bezieht sich auf das alte Reichsgebiet und ermöglicht so eher einen direkten Vergleich mit den Zahlen der Volkszählung von 1933. Vgl. Die Juden und jüdischen Mischlinge im Deutschen Reich. Vorläufiges Ergebnis der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in: Wirtschaft und Statistik, 1. u. 2. März-Heft, Nr. 5/6 (1940).
  • [7] Alfred Gottwaldt/Diana Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie, Wiesbaden 2005, S. 26–31. – Wolf Gruner, Von der Kollektivausweisung zur Deportation der Juden aus Deutschland (1938–1945), in: Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne – Praxis – Reaktionen 1938–1945 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 20), hrsg. von Birthe Kundrus und Beate Meyer, Göttingen 2004, S. 21–62.
  • [8] Gottwaldt/Schulle, „Judendeportationen“, S. 28–31.
  • [9] Paul Sauer, Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden- Württemberg durch das nationalsozialistische Regime 1933–1945, Bd. 2, Stuttgart 1966, S. 232.
  • [10] Namengebend war die Zentrale, eine Villa in der Berliner Tiergartenstr. 4.
  • [11] Benannt nach Dr. Karl Brandt, einem Arzt Adolf Hitlers und ab dem 28. Juli 1942 Bevollmächtigter für das Sanitäts- und Gesundheitswesen sowie ab 5. September 1943 Leiter des gesamten medizinischen Vorrats- und Versorgungswesens.
  • [12] Siehe dazu Inventar der Quellen zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen 1939–1945, bearb. von Matthias Meissner, ausschl. online unter http://www.bundesarchiv.de – Bestände und Findmittel, Berlin 2003.
  • [13] Leo Baeck Institute New York, MA 138–585: Bruno Blau, Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland von 1800 bis 1945, ungedrucktes Manuskript, S. 347. Für Auskunft und Einsicht in eine Kopie dieses Manuskripts sei an dieser Stelle Prof. Dr. Wolfgang Scheffler, Berlin, herzlich gedankt.
  • [14] Der tatsächlich erste Transport mit etwa 1 000 Personen fuhr bereits am 15. Oktober 1941 von Wien nach Litzmannstadt ab.
  • [15] Vgl. Anhang in Band IV.
  • [16] Blau, Die Entwicklung… Die Differenz von ca. 4 000 Personen ergibt sich aus Sterbefällen, Rundungsdifferenzen und nachträglichen Korrekturen.
  • [17] Gottwaldt/Schulle, „Judendeportationen“, Anhang S. 444–467.

Erarbeitung der ersten Auflage des Gedenkbuches

Ausgehend von einer Initiative der Gedenkstätte Yad Vashem erging im Jahre 1960 ein Rundschreiben des Bundesministers des Innern an die Länder und Gemeinden der Bundesrepublik Deutschland, Quellen zur jüdischen Bevölkerung zusammenzustellen. Diese sollten als Grundlage für die Erstellung eines Gedenkbuches genutzt werden.

Ganz unabhängig vom föderalen Staatsaufbau in Deutschland standen die Bearbeiter der ersten Auflage vor der schweren Aufgabe, die durch Kriegs- und Nachkriegsereignisse zerstreuten, in ihrem Umfang Anfang der sechziger Jahre kaum einzuschätzenden Quellen zur jüdischen Geschichte und zur Verfolgung der Juden durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft zu ermitteln.

Die Hoffnung, dass es der Gedenkstätte Yad Vashem gelingen würde, einschlägige Quellen, insbesondere aus der DDR, aus Polen oder der Tschechoslowakei zu erhalten, erfüllte sich nicht. Auch Initiativen der Bundesregierung und des Leo-Baeck-Instituts an die jeweiligen Entscheidungsträger, die Herausgabe eines Gedenkbuches für das gesamte Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches zu ermöglichen, blieben erfolglos. Die Bundesregierung übermittelte am 24. August 1981 über die Ständige Vertretung der BRD in Berlin der Regierung der DDR „die Bitte um Einsichtnahme in Erhebungsbögen des sog. Statistischen Reichsamtes aus der Volkszählung im Jahre 1939 […] Die Auswertung könnte nach Auffassung der BRD-Regierung die Dokumentation der jüdischen Bevölkerung des ehemaligen Deutschen Reiches während der Nazizeit ermöglichen.“ [18] Die Bitte wurde abschlägig beschieden.

Das Bundesarchiv konnte diese ihm übertragene Aufgabe der Erstellung eines Gedenkbuches nur in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes (ISD) in Arolsen erfüllen. Beim ISD befinden sich umfangreiche Überlieferungen aus den Konzentrationslagern und Haftstätten des NS-Regimes. Eine 50 Millionen Namen umfassende zentrale Namenkartei enthält Angaben zu den Einzelschicksalen.

Hauptquellen für die Bearbeitung der ersten Auflage waren:

  • Meldungen der Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland
  • Deportationslisten
  • Erhebungsbögen aus Bayern und Hessen zur jüdischen Bevölkerung vor 1945, erhoben von den Gemeinden für die Alliierte Militärregierung
  • Kartei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland
  • Mitgliederlisten jüdischer Gemeinden nach 1933
  • Gedenkbuch der Niederlande
  • Eingangskartei des Ghettos Theresienstadt.

Insgesamt wurden 495 220 Namen geprüft.

Neubearbeitung des Gedenkbuches

Die Neubearbeitung des Gedenkbuches erfolgte in einer völlig veränderten Situation. Mit Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1990 und damit auch der Zusammenführung der Bestände des Bundesarchivs und der des Zentralen Staatsarchivs der DDR ergab sich die Chance, auf einer erweiterten Quellenbasis die eingegangene Verpflichtung für eine Neuauflage des Gedenkbuches einzulösen. Am 28. Februar 1991 erhielt das Bundesarchiv durch Erlass des Bundesministers des Innern den Auftrag, die Möglichkeiten zur Neubearbeitung des Gedenkbuches zu prüfen. Die erweiterte Auflage sollte die seit dem Erscheinen des Gedenkbuches eingegangenen Ergänzungen und Korrekturen berücksichtigen sowie den Opfern aus dem Gebiet der neuen Bundesländer und der ehemaligen deutschen Ostgebiete ein ehrendes Gedenken geben.

Mit der Übernahme der Bestände des Zentralen Staatsarchivs der DDR gelangte auch der Bestand R 1509 (Reichssippenamt), und mit diesem die „Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung“ aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in das Bundesarchiv. Dieser Bestand lagerte bis zur Übernahme durch die Staatliche Archivverwaltung der DDR im Jahre 1981 in Berlin in der Oranienburger Straße 28. Dieses Gebäude der Jüdischen Gemeinde Berlin war nach dem Novemberpogrom 1938 beschlagnahmt und später als Dienstgebäude des Reichssippenamtes genutzt worden. Nach Kriegsende im Mai 1945 blieben die Ergänzungskarten in diesen Räumlichkeiten, und bis Anfang der achtziger Jahre im Besitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Am 22. Oktober 1981 wurde ein Übergabeprotokoll zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Staatlichen Archivverwaltung der DDR unterzeichnet.

Im Jahre 1992 begann das Bundesarchiv mit der computergestützten Erfassung der „Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung“ aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939. Zu den Fragebögen der Volkszählung gehörte neben den Haushaltungslisten mit den persönlichen Angaben, den Land- und Forstwirtschaftsbögen sowie den Fragebögen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten auch die „Ergänzungskarte für Angaben über Abstammung und Vorbildung“.

Diese „Ergänzungskarten“ besitzen einen besonderen Stellenwert. In der Terminologie der „Nürnberger Gesetze“ wurde mit den Mitteln der staatlichen Verwaltungsbürokratie eine bis dahin beispiellose umfassende statistische Basis für die Entrechtung der deutschen Juden zusammengestellt. So heißt es dort z. B.: „Maßgebend ist allein die rassenmäßige, nicht die konfessionelle Zugehörigkeit. Auch Glaubensjuden haben ihre der Rasse nach volljüdischen Großeltern anzugeben.“ [19] Dem Vordruck entsprechend waren folgende Angaben zwingend notwendig:

Vorname, Familienname, Geburtsname, Geburtsdatum, Geburtsort und -kreis, Angaben zur Abstammung, Angaben zu einem Hoch- oder Fachschulstudium, vollständige Adresse. Die Richtigkeit der Angaben war durch Unterschrift des Haushaltungsvorstandes zu bestätigen.

Während der Bearbeitung erhielten die Karten zahlreiche Vermerke, die eindeutig den statistischen und polizeilichen Ämtern zuzuordnen sind. Vermutungen, das Material sei dazu verwendet worden, Deportationslisten zu erstellen, konnten durch die historische Forschung bislang nicht bestätigt werden.

Ungefähr 80 Prozent der ursprünglich vorhandenen Karten sind überliefert. Sie fehlen für große geographische Bereiche, z. B. für das Land Thüringen, die Rheinprovinz, die Regierungsbezirke Erfurt und Minden sowie einige bayerische Kreise. Ob diese Verluste bereits kriegsbedingt waren, ließ sich bisher nicht zweifelsfrei feststellen.

Die Auswertung der Ergänzungskarten erfolgte mit der Zielstellung der Bestandssicherung und der Schaffung einer Datenbasis für die Neubearbeitung des Gedenkbuches. Die Erfassung, zunächst in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt, wurde Mitte 1999 abgeschlossen. [20]

Im Unterschied zur Erarbeitung der ersten Auflage war mit der Datensammlung zur Volkszählung von 1939 die Basis für eine neue Namenliste gegeben. Ausgehend vom Opferkreis der ersten Auflage wurden die 1939 nach Polen abgeschobenen Juden ebenso in die Überarbeitung einbezogen wie die 1940 über die französische Grenze deportierten badischen, pfälzischen und saarländischen Juden. Vorrangig blieb jedoch die Ermittlung von Schicksalsangaben für die jüdische Bevölkerung aus dem Gebiet der neuen Bundesländer und der ehemaligen deutschen Ostgebiete.

Die Datengrundlage für den Aufbau der neuen Gedenkbuch- Datenbank bildeten die Angaben in den Volkszählungsunterlagen (berücksichtigt wurden Personen, welche die Frage nach den jüdischen Großeltern drei- oder viermal mit „ja“ beantwortet hatten), die Erstauflage des Gedenkbuches und die im Bestand ZSg 138 zusammengefassten Hauptquellen für das Gedenkbuch von 1986.

In einem ersten Arbeitsgang erfolgte ein Abgleich der Namen auf der Basis Familienname – Vorname – Geburtsdatum – Geburtsort. Da die Volkszählungsdatensätze vollständigere Angaben in Bezug zu Wohnort, Geburtsdatum, Geburtsort und gegebenenfalls Geburtsnamen enthalten, wurde dieser Datensatz nach Vervollständigung durch die Angaben zum Schicksal als Gedenkbuchdatensatz bestimmt. Ziel war es, alle Daten zu einer Person in einem Datensatz zusammenzufassen. Auf diese Weise konnten ca. 70 000 Namen als gleich erkannt und automatisch zunächst mit den Schicksalsangaben nach dem Wissensstand der Erstausgabe zusammengeführt und ergänzt werden.

Auch die Überarbeitung des Gedenkbuches erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen. Ihm wurden ca. 40 000 Namen aus dem Gebiet der preußischen Provinzen Ostpreußen, Pommern, Brandenburg, Sachsen (Provinz) und Schlesien sowie den Ländern Sachsen, Anhalt und Mecklenburg zur Ermittlung der Schicksalsangaben übersandt. Im Ergebnis wurden Auskünfte zu ca. 20 000 Namen an das Bundesarchiv zurückgegeben und anschließend einzeln geprüft Diese enthielten Angaben zu Opfern, aber auch zu Emigranten und zu Personen, die eines natürlichen Todes gestorben waren. Außerdem überließ der ISD dem Bundesarchiv Kopien von Quellen zur Auswertung, u. a. Karteikarten der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (bezogen auf das Gebiet der neuen Bundesländer und die ehemaligen Ostgebiete), Deportationslisten aus den Gestapobereichen Dresden, Chemnitz und Breslau sowie vom Sonderstandesamt Arolsen ausgestellte Sterbeurkunden.

Im Jahre 2002 bat die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ das Bundesarchiv um die Erstellung einer Liste der jüdischen Einwohner (Residenten) des Deutschen Reiches. Innerhalb eines Jahres wurden mit Unterstützung der Staats-, Landes- und Kommunalarchive, der Städte und Gemeinden, zahlreicher Forschungsinstitutionen und Dokumentationszentren, der KZ-Gedenkstätten und jüdischer Regionalforscher eine Namenliste geschaffen, die auf mehr als 300 Quellen basiert. Der Abgleich mit der Policenliste des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft bot nun die Möglichkeit, Versicherungspolicen zu finden, die seit dem Kriegsende 1945 nicht abgerufen worden waren. [21] Das Ergebnis dieses Abgleichs führte dazu, dass sowohl jüdische Emigranten als auch Überlebende und Nachfahren ermordeter Juden entschädigt werden konnten. Die im Zusammenhang mit dieser Aufgabenerfüllung zusammengetragenen Quellen bedeuteten für die Gedenkbucharbeit einen immensen Synergieeffekt. Von Vorteil war hierbei vor allem, dass viele Gedenkbücher gleichzeitig als elektronische Medien vorlagen. So bot sich den Bearbeitern die Möglichkeit, der einzelnen Person verschiedene Quellen mit unterschiedlichen Informationen zuzuweisen und auszuwerten. Demzufolge setzen sich die persönlichen und Schicksalsangaben aus Informationen unterschiedlichster Herkunft zusammen. War der ISD bei der ersten Auflage des Gedenkbuches Hauptauskunftsquelle zum Verfolgungsschicksal, so konnten die Bearbeiter nunmehr auf eine wesentlich erweiterte Quellenbasis zugreifen. Damit wurden auch die territorialen Lücken aus der Überlieferung der Ergänzungskarten ausgeglichen.

Ein moralisch und inhaltlich wesentliches Anliegen der Neubearbeitung war auch die Einarbeitung von Korrekturen und Ergänzungen, die nicht zuletzt von Hinterbliebenen der Opfer nach dem Erscheinen der ersten Auflage beim Bundesarchiv eingegangen waren. [22] Während der gesamten Bearbeitungszeit konnten auch durch neue Erkenntnisse aus dem Schriftverkehr des Bundesarchivs mit seinen Benutzern, mit den Überlebenden, Familienforschern und Wissenschaftlern Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen werden.

Auch mit der zweiten Auflage des Gedenkbuches kann es nicht in allen Fällen gelingen, die Namen und Verfolgungswege aller Opfer vollständig und zutreffend zu ermitteln. Nach wie vor fehlen für bestimmte Gebiete Angaben zum Schicksal. Dies ist insbesondere für Ostpreußen und Schlesien der Fall. Auch bleiben Lücken hinsichtlich der Nennung aller Emigranten, die aus den besetzten Gebieten deportiert wurden. Dennoch hat sich das Bundesarchiv entschlossen, die Neuauflage des Gedenkbuches zum jetzigen Zeitpunkt zu veröffentlichen, weil nun ein Stand der Vollständigkeit und Zuverlässigkeit erreicht ist, der wesentlich über die erste Auflage hinausgeht. Das Bundesarchiv ist für jeden ergänzenden oder korrigierenden Hinweis dankbar.


  • [19] BArch, R 1509 (Reichssippenamt). Volks-, Berufs- und Betriebszählung am 17. Mai 1939. Formular der Ergänzungskarte für Angaben über Abstammung und Vorbildung, Erläuterungen zu umstehendem Fragebogen.
  • [20] Elisabeth Brachmann-Teubner, Die Neubearbeitung des Gedenkbuches „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“. Eine Zwischenbilanz, in: Archiv und Geschichte. Festschrift für Friedrich P. Kahlenberg, hrsg. von Klaus Oldenhage, Hermann Schreyer, Wolfram Werner, Düsseldorf 2000.
  • [21] Klaus Oldenhage, Daten zum Nachweis der Ansprüche jüdischer Opfer des NS-Regimes gegenüber Versicherungen, in: NS-Gewaltherrschaft. Beiträge zur historischen Forschung und juristischen Aufarbeitung (Publikation der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 11), hrsg. von Alfred Gottwaldt, Norbert Kampe und Peter Klein, Berlin 2005, S. 481–487.
  • [22] Ungeachtet der Fehler und Lücken wurde dem Bundesarchiv dennoch für die Veröffentlichung der Opferliste gedankt.

Quelle: Bundesarchiv Gedenkbuch


Wie viele Juden gab es in Reichweite von NS-Verfolgung und potentieller Vernichtung?

Von Carl O. Nordling

Seit den Nürnberger Verfahren 1945-1946 gilt es als allgemein bekannt, daß die NS-Verfolgung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg fünf bis sechs Millionen jüdische Opfer zur Folge hatte. Aber bereits im Juni 1946 veröffentlichte eine Schweizerische Zeitung einen Artikel, der darauf drängte, daß ein Sonderausschuß der Vereinten Nationen die Zahl der jüdischen Opfer feststellen sollte. Der Grund für dieses Ansinnen war eine veröffentlichte Berechnung, die zeigte, daß die Zahl der europäischen Juden außerhalb der Sowjetunion, die in Reichweite der Nationalsozialisten gewesen waren, weit unter fünf Millionen lag. Bedauerlicherweise haben die Vereinten Nationen nie einen solchen Ausschuß eingesetzt. Dennoch können wir heute etwas besser als 1946 wenigstens die Zahl der Juden berechnen, die sich in Reichweite der NS-Regierung befanden. Die Hauptquelle ist ein Bericht von Himmlers Chefstatistiker, Dr. Richard Korherr (NMT-Dokument NO 5193-5196).

Laut diesem als streng geheim klassifizierten Bericht von März 1943 kamen mit der Zeit folgende Kontingente von Juden unter deutsche (oder damit verbündete oder abhängige) Jurisdiktion und wurden folglich durch eine Vernichtungspolitik oder sonstige Verfolgung gefährdet, die Hitler und Himmler zu dieser Zeit betrieben haben können:

Juden im Altreich (30. März 1933) 561.000

Juden im Sudetenland (Oktober 1938) 3.000

Juden in Österreich (März 1938) 220.000

Juden in Böhmen u. Mähren (März 1939) 118.000

Juden im Memelgebiet (1939) 3.000

Juden in Danzig (1939) 10.000

Juden in Italien (1939/40) 52.000

Juden in Dänemark (1940) *6.000

Juden in Norwegen (1940) *2.000

Juden in Belgien (1940) 80.000

Juden in den Niederlanden (1940) 135.000

Juden in Luxemburg (1940) *3.000

Juden in Tunesien (1943) *85.000

Juden in Libyen *21.000

Juden in Frankreich (1940) 280.000

Juden in Jugoslawien (1941) 75.000

Juden in Ungarn (1941) 750.000

Juden in Rumänien (1941) 302.000

Juden in Bulgarien (1941) 50.000

Juden in Griechenland (1941) 90.000

Juden in Albanien (1941) *1.000

Juden in Finnland (1941) 2.000

Gesamtzahl gefährdeter Juden in ganz unter deutscher Herrschaft stehenden oder verbündeten Ländern 2.849.000

*Zahl stammt nicht von Korherr

Der Korherr-Bericht spezifiziert nicht, wieviel Juden in den Teilen Polens und der Sowjetunion lebten, die nach und nach unter deutsche Herrschaft kamen. Wir sind daher gezwungen, diese Zahlen mit Hilfe anderer Quellen zu berechnen. Was die polnischen Juden in Reichweite der Nationalsozialisten angeht, so wurde die letzte Volkszählung in Polen vor dem Krieg 1931 durchgeführt. Dabei wurden 3,1 Millionen Juden registriert. Wir haben guten Grund zu der Annahme, daß diese Zahl bis September 1939 drastisch gefallen war, weil es nämlich wahrscheinlich ist, daß in diesen Jahren eine erhebliche jüdische Emigration aus Polen erfolgte, vor allem nachdem Hitler in Deutschland die Macht übernommen hatte (1933) und die polnische Regierung Jabotinskys Plan unterstützt hatte (1937), 1,5 Millionen osteuropäische Juden innerhalb eines Jahrzehnts nach Palästina zu überführen.1 Viele Emigranten verließen Polen wahrscheinlich in den letzten Monaten vor dem deutschen Angriff, eben weil sie einen solchen befürchteten.

So sagt z.B. Zygmunt Nissenbaum2: “Der Kriegsausbruch kam für uns nicht überraschend, wir hatten ihn schon lange befürchtet.” Dann kam die Aufteilung Polens. Laut Dabrowska, Waszak und Grynberg3 sollen etwa 1.830.000 Juden auf die deutsche Seite gekommen sein – sofern jeder dort verblieb, wo er war. Korherr stellt aber fest, daß sich die Zahl polnischer Juden im deutsch kontrollierten Gebiet zwischen 1939 und 1942 um 763.000 durch Emigration (im Gegensatz zu Evakuierung) und Sterbeüberschuß verringert hat. Der Hauptteil dieser Emigration ist natürlich erfolgt, bevor die betreffenden Gebiete unter deutsche Besetzung kamen, mit den bekanntlich darauf folgenden starken Einschränkungen der Bewegungsfreiheit.

Nehmen wir daher an, daß drei Viertel, also 572.000 dieser Emigranten nie im Einzugsbereich der Nationalsozialisten waren. Wir können somit etwa 1.26 Millionen (1,830,000 – 572.000 = 1,258,000) zu der oben genannten Zahl gefährdeter Juden hinzufügen. Sicherlich müssen wir hier mit einem beträchtlichen Unsicherheitsfaktor rechnen, sagen wir ± 15 Prozent. Wir müssen noch die Zahl der Juden in den deutsch besetzten Gebieten der Sowjetunion schätzen, die zurückblieben, als alle, die fliehen konnten, vor den vordringenden Deutschen flohen.

Es ist berechnet worden, daß in den Sowjetgebieten, die im Lauf des Krieges von den Achsentruppen besetzt wurden, 3,6 Millionen Juden lebten, von denen mindestens 80 Prozent ins Hinterland der Sowjetunion evakuiert wurden.4 Folglich müssen wir weitere 720,000 (20% von 3,6 Millionen), ± 15 % zu der Zahl der gefährdeten Juden hinzufügen.

Insgesamt haben wir gefährdete Juden:

in der Sowjetunion 720.000

in Polen 1.260.000

in allen anderen Ländern 2.850.000

Gesamtsumme 4.830.000 ± 300.000

Die letzte Zahl, 4,83 Millionen (±) stellt die Höchstzahl der möglichen Opfer im Falle eines NS-Programms zur Judenvernichtung dar. Aber auch ohne irgendeine derartige Politik hätte es 1945 natürlich nicht 4.83 Millionen Überlebende gegeben. Menschen sterben im Krieg wie im Frieden an natürlichen Todesursachen. Kinder werden auch in Kriegszeiten geboren, wenngleich die Geburtenrate zweifellos niedriger liegen wird.

Angesichts dieser Faktoren darf man bei jeder der oben genannten Gruppen bis zum Mai 1945 von einer natürlichen Abnahme von einem Prozent jährlich ausgehen. Wir sollten daher 30.000 von der Zahl sowjetischer Juden, etwa 75.000 von der Zahl polnischer Juden, etwa 65.000 von der Zahl der Juden im Altreich und etwa 95.000 von der Zahl der Juden in allen anderen Ländern abziehen, das macht zusammen 265.000.

Ohne jegliche Verfolgung und ohne irgendwelche Kriegsverluste, Epidemien und Hungersnot hätten 1945 höchstwahrscheinlich etwa 4.565.000 “erreichbare” Juden gelebt. Mit dem (±) könnte es 4,25 Million als Minimum und 4,85 Millionen als oberste Grenze gewesen sein. Berücksichtigt man die recht gut gesicherte Schätzung, daß es 1945 zwischen 2,7 und 3,6 Millionen “Holocaust survivors” gab, kann die Zahl der Verluste nicht höher als etwa 2,15 Millionen (4,85 – 2,7) gelegen haben. Andererseits kann die Zahl jüdischer Kriegsverluste auch “nur” 650.000 (4,250,000 – 3,600,000) betragen haben.

Wie hoch auch immer die wirkliche Zahl sein mag – die obige Analyse erlaubt natürlich keinerlei sichere Aussage über die Todesursache selbst. Dennoch können in begrenztem Umfang Schlußfolgerungen gezogen werden. Die niedrigere Verlustzahl beträgt 15% der Gruppe der “Erreichbaren”. Diese Zahl ist vergleichbar den gegenwärtig offiziellen Verlusten an Menschenleben in der Sowjetunion (ca. 15 %), in Jugoslawien (11 %) und unter den Nichtjuden in Polen (ca. 10 %).

Angesichts der Ereignisse in diesen Ländern würde man nur bei etwa fünf bis sieben Prozent der erreichbaren Juden erwarten, daß sie durch Exekutionen oder irgendwelche Mordaktionen gestorben sind. Die verbleibende hohe Sterberate wäre auf schlimme Lebensbedingungen und allgemeine Schikanen zurückzuführen, wie sie auch in Polen und Jugoslawien oftmals herrschten. Die obere Zahl, 2,15 Millionen Verluste, oder 44 Prozent, beinhaltet, daß eine Politik betrieben wurde, die die Zahl der Juden stark verminderte.

Wenn das Ziel jedoch wirklich ein Völkermord gewesen wäre, würde man einen höheren Prozentsatz, nämlich 80 bis 90 Prozent erwarten. Daher sind wir selbst in diesem Fall zu der Annahme gezwungen, daß die NS-Politik auf weniger als die totale Vernichtung des europäischen Judentums abzielte. Jedenfalls wissen wir derzeit nicht, wo in dem Intervall zwischen 15 und 44 % die wirkliche Zahl zu finden ist. Außerdem wissen wir nicht die Zahl der Juden, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges auf der sowjetischen Seite der Front landeten und die in Stalins – und nicht Hitlers – Gewahrsam umkamen. Aufgrund der vorliegenden Untersuchung läßt sich sehr wenig darüber sagen, was Hitlers “Endlösung des Judenproblems” beinhaltete. Es ist jedoch offensichtlich, daß sie nicht die physische Vernichtung aller Juden in seiner Reichweite bedeutete. Und vor allem kann die Zahl der jüdischen “Holocaust”-Opfer nicht im Bereich von fünf oder sechs Millionen liegen, wie bisher die meisten glauben.

Anmerkungen

1 Encyclopaedia Judaica

2 “I was in the Umschlagplatz”, Dialectics and Humanism, 1989:1, S. 129.

3 W. Benz, Dimension des Völkermords, Oldenbourg, München 1991, S. 419.

4 Für Einzelheiten dieser Berechnung siehe Walter Sanning, Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert, Tübingen, 1983

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2 Gedanken zu „Was genau wird als Holocaust bezeichnet?

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